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    Vor kurzem bin ich in Facebook über eine Werbung für ein postsowjetischen Fantasy-Rollenspiel aus Polen gestoßen. Basis dafür sollten die Mörk Bork- Regeln sein. Auch Regeln für Autorennen sollten im Regelwerk vorhanden sein. Rollenspiel? Postsowjetisch? Autorennen? Natürlich habe ich sofort bestellt. Vor ein paar Wochen kam dann die Post aus Polen an, vorab als PDF (mit einer Menge Zusatzmaterial), kurz danach als Büchlein. Bevor ich mich gleich an die Besprechung mache, sollte ich schnell m

Slave Borg – Grüne Goblins und heiße Kisten in einem postsowjetischen Fantasy-Polen

05. Dezember 2025 um 04:00

Vor kurzem bin ich in Facebook über eine Werbung für ein postsowjetischen Fantasy-Rollenspiel aus Polen gestoßen. Basis dafür sollten die Mörk Bork- Regeln sein. Auch Regeln für Autorennen sollten im Regelwerk vorhanden sein. Rollenspiel? Postsowjetisch? Autorennen? Natürlich habe ich sofort bestellt. Vor ein paar Wochen kam dann die Post aus Polen an, vorab als PDF (mit einer Menge Zusatzmaterial), kurz danach als Büchlein.

Bevor ich mich gleich an die Besprechung mache, sollte ich schnell meinen Bias offenlegen. Ich bin 1981 geboren, ein Bayer (damit Wessi) durch und durch. Die Länder des Warschauer Paktes habe ich, wenn überhaupt, als Kind eher als Gegner wahrgenommen. Uns war klar, dass, wenn der Russe angreift, wir überrollt werden würden. Polen… das war die Heimat Paul Johannes II und des Warschauer Gettos und Ausschwitz. Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhanges blieb ich eher auf meiner Seite der Welt. Aber durch die ganzen Menschen, die aus der DDR, Polen und Tschechien zu uns kamen, lernten wir einige neue Aspekte der Länder kennen.  Seit ich letztes Jahr die postsowjetischen russischen Rollenspiele analysiert habe, interessiert mich der slawische Blickwinkel auf Rollenspiele.

Um was geht es

Ein Nekromant aus Galgenbeck fällt durch ein Dimensionstor in die Welt, in der Slav Bork spielt. Der Gast aus einer anderen Dimension verflucht die Lande, die langsam aber sicher zu zerfallen und verrotten beginnen. Seine Basis hat er in einer ehemaligen Militärbasis auf dem Berg Landeskrrrone (nur echt mit den 3 r!), die Stadt Gurlitz hat er für seine Experimente und Rituale entvölkert (lauter kleine Dungeons mit Loot und freie Straßen für Autorennen). Die Spielenden schlüpfen in die Rolle von Goblins, Kobolden, Hobgoblins, Halborks usw., kurz Greenfolk genannt, die in der Stadt Zgol leben, besser: überleben. Denn dort herrschen raue Sitten: Autorennen auf der Hauptstraße, Mafiabosse, die sich Geschäfte unter die Nägel reißen, Yoomaks, die Autos, Vodka und eigentlich alles, was nicht niet- und nagelfest ist, klauen, dazu noch die Schergen des Nekromanten und Dämonen aus dem Kohlebergbau sowie Waldmonster… nett hier.

Dem geneigten Leser aus Deutschland dürfte natürlich der Name Gurliz aufgefallen sein. Ja, die Stadt Görlitz in Sachsen sowie deren polnische Nachbarstadt, Zgorzelec sind die Vorlagen für dieses Setting, inkl. der Brücke der Freundschaft, die die beiden Europastädte verbindet.

Die Zusammenfassung oben zeigt auch gut, um was es in Slav Bork gehen kann. Du hast natürlich den klassischen Dungeon Crawler, der hier eben in den Plattenbauten, inkl. Kellergeschossen, Kanalisationen, Märkten und Minenschächten. Du kannst auch Rennen fahren (dafür gibt es einen eigenen Regelteil, den ich weiter unten anschauen werde) oder eine Schmugglerkampagne spielen. Oder du legst dich mit dem Nekromanten an und versuchst, den Fluch, den er über das Lang gelegt hat, zu brechen. Dass Rennen hier neben dem Dungeon Crawler stehen und Autos ein integraler Bestandteil des Feelings von Slav Borg ausmachen, macht für mich das Setting überraschend frisch.

Ein Blick unter die Motorhaube

Slav Borg läuft grundsätzlich auf der Mörk Bork Engine. Das Bedeutet, du hast 4 Abilitys (Agility, Presence, Strenght und Toughness), die je nach Würfelglück zwischen 2 und 18 liegen. Du kannst eine von 6 Klassen auswürfeln (oder wählen), den Straßenkämpfer, den Falschmünzer, den Rennfahrer, die Mechanikerin, die ehemalige Diebin, die Scharlatanin und die Schmugglerin. Jede Klasse hat eigene Vorteile und Talente, eigene Würfe auf die Tabelle mit Waffen und Rüstungen, eigene Hitpoints.

Die Proben, ob eine gewisse Aktion, etwa das Knacken eines gut gesicherten Garagentores, klappt, werden mit 1W20 gegen ein Schwierigkeitslevel durchgeführt, wobei du über das Schwierigkeitslevel kommen musst. Deine Werte in den Attributen liefern entsprechend Boni oder Mali zu deiner Aktion, Talente oder Fähigkeiten spielen hier ebenfalls eine Rolle.

Am Besten versteht man das System imho immer, wenn man mal einen eigenen Char erstellt. Die Leute von Slavdom Studio liefern eine PDF mit dem Charbogen mit, senden Aber beim kauf einer Todholzausgabe auch einen kleinen, netten Block mit, auf dem man seinen Char erstellen kann. Gute Sache, wenn man auf Reisen ist!

Auf dem Din A5 Charakterblog erstellter Char. Das hat als ungeübter Spieler nur 5 Minuten gedauert, nach ein paar Mal sollte dass in 2 Minuten erledigt sein.

Ähnlich wird die Attacke gehandhabt, Schwierigkeitlevel ist hier 12. Im Grunde nichts neues, das kennen wir so schon von Mörk Bork.

Neu sind jedoch die Mechaniken rund ums Rennen fahren. Das ist auch der Grund, warum ich das Rollenspiel gekauft habe. Rennsimulationen waren ja letztes Jahr ein großes Ding hier auf meinen Blog.

Schauen wir uns doch das Ganze an einem Beispiel an:

Boleslaw “findet” am Straßenrand einen BMW, ähhhhh, ich meine natürlich einen GMW (Goblin Motorenwerke)

Eindeutig ein BMW. Die Vorlage wurde wohl aus irgend einem alten Katalog rausgezeichnet, der Wagen nach 1992 in Deutschland zugelassen. Sogar teile der Regensburger Autonummer kann ein scharfes Auge (ich hab ne neue Brille!) erkennen: R ()G 1()1

Nebenbei… Wenn du die Printversion des Regelwerkes bestellst, schicken dir Slavdom Studios auch einen Link zu den PDFs. Da ist ein Malbuch dabei, in dem man den BMW… ich meine natürlich GMW selber kolorieren kann.

Der Startpreis von 850g spielt keine Rolle, in der Welt von Slav Bork klaut man sich die Fahrzeuge und hofft, dass die Besitzer nichts unternehmen, um ihre Kisten zurückzuholen.

Speed gibt an, wo du am Ende der Runde bist. Die Kiste mit dem höchsten Wert liegt vorn. Da ist der BMW… GMW (mein Bruder arbeitet im Werk Dingolfing), mit 8 im oberen Bereich dabei. Wenn du in deiner Runde aber ein High G Manöver machst, quasi das Pedal an den Boden tackerst, würfelst Du mit 2W6 statt 1W6 und addierst das Ergebnis zum nächsten Geschwindigkeitsvergleich hinzu.

Save ist der Rettungswurf, um zu vermeiden, dass dir die Kiste komplett um die Ohren fliegt, wenn mal ein Manöver schief geht.

So schaut das Datenblatt für unseren GMW auf dem mitgelieferten DIN A 5 Block aus. Ich hab mir noch keine Uprgades geleistet, die sind zu teuer für mich armen Tinkerer

Die Werte, die unter Structure aufgeführt sind, sind die HP der einzelnen Autoteile. Unser BMW… unser GMW liegt da bei den Reifen vorne mit dabei, dafür ist aber sein Fahrgestell und die Karosserie eher unteres Mittelfeld.

So ein Rennen, das am besten mit Miniaturen auf den als PDF mitgelieferten Kacheln gespielt werden sollte, läuft in 5 Schritten pro Runde ab.

Schritt 1: Ich würfle die nächste Kachel, also den nächsten Straßenabschnitt aus.

Schritt 2: Ich schaue, wer gerade vorne liegt, wer den höchsten Speed hat.

Schritt 3: Ich führe eine der im folgenden Bild dargestellten Aktionen aus:

Schritt 4: Alle Fahrzeuge, die nicht grade irgendwo in Flammen aufgehen oder abgeschlagen sind, kommen auf die nächste Kachel, Ist diese eine 90°Kurve, dann muss per Agility-Test gedriftet werden. Misslingt der Drift, gehts mit normalen Speed weiter, gelingt er, dann hat man den 1,5 fachen Speed drauf.

Letzter Schritt: Entferne die alte Kachel und alles, was sich noch darauf befindet. Für die ist das Rennen vorbei.

 Interessant ist obiger Hinweis. Egal welches Rollenspiel rund ums Thema Rennen fahren ich mir letztes Jahr angeschaut habe, diesen Hinweis für die Spielleitung hatte keines! Dabei ist das durchaus wichtig für den Spielfluss. Fünf Schritte für eine Strecke von, sagen wir mal 7 Kacheln, zu prüfen dauert seine Zeit. Je größer das Teilnehmerfeld des Rennens ist, desto länger dauert das. Bei einem Rennen mehr als 1 PC und maximal 3 NPCs zu managen, kostet imho so viel Zeit, dass die ganze Spannung aus dem Rennen rausgequetscht wird. Die Spannung, der Rausch der Geschwindigkeit, das Donnern der Motoren, das sind es doch, was Rennspiele ausmachen!

Was in den 18 Seiten zum Thema Rennen noch drin ist sind zum einen Renn-Generatoren, zum anderen Tunig-Möglichkeiten für das Auto und natürlich die Kisten selbst. Die Reichen vom Fiat 126 (auf polnisch liebevoll Maluch , Kleiner genannt) über den FSO Polonez (was wiederum auf deutsch die Polonaise wäre) über den VW Golf (hier ganz liebevoll Gobwagen genannt) zu BMW und Mercedes bzw. deren goblinifizierten Varianten. Ganz großes Kino! Allein das hat den Kauf des Buches gerechtfertigt.

Nebenbei… mir ist da was aufgefallen und nun möchte ich euch fragen, ob das nur mir so geht oder ob ihr das ebenfalls beobachtet. Ich bin ja Baujahr 1981. Zu meiner Jugendzeit, den frühen 90gern, da gehörten getunte Autos dazu. Kein Golf, dessen Besitzer nicht den Bösen Blick, eine Scheinwerferblende, aufgeklebt hatte (so nicht sowieso andere Scheinwerfer montiert wurden). Zierleisten, Zierstreifen, Heckspoiler und eine Blende, damit der mickrige Auspuff aussah, als wäre da ein Sportauspuff verbaut… Natürlich, tiefergelegte Autos und getunte Boliden gibts auch heute noch und nächtliche Rennen durch die Stadt sind auch heute noch ein Problem, aber damals waren getunte Autos… Mainstream. Die gehörten zum ganz normalen Stadtbild dazu. Ich hab schon lange mehr keinen optisch veränderten Wagen gesehen.

Generatoren

Slav Bork enthält auch eine ganze Reihe von Zufallstabellen und Generatoren. Du möchtest einen Dungeon Crawl in einem Plattenbau? Kein Problem, hier würfelst Du den Plothook, die Rahmenbedingungen, die Quest-Belohnung, die NPCs, die Ressourcen und den Raum aus, in dem das Finale stattfinden soll.

Eigene Rennen veranstalten? Kein Problem, auch hier ein Generator.

Den Kampf gegen den Nekromanten als Kampagne? Nutz die Generatoren ab S. 151.

Du willst besondere Vorkommnisse in der Stadt? Ab S.167 wirst du fündig werden! Und im Anschluss findest du Loot und einen Namensgenerator.

Erlich, es gibt da ein paar sehr schöne Zufallstabellen in diesem Buch. Mit interessanten beiträgen. Hier zum Beispiel ein Zufallsereignis in Zgol.

Jetzt noch zur Vorbereitung einen Punk-Song oder Rap oder frühen Technokracher einlegen, und das Abenteuer, entsteht fast wie von selbst.

Abenteuer in Zgol (Achtung, Spoiler!)

Jedes Regelwerk braucht sein Einsteiger-Abenteuer, dass in die Welt und die Mechaniken einführt. Haben wir auch hier. Das Abenteuer heißt The Dammed Gobwagon und ist mit Coverbild 6 Seiten lang. Um was geht es? Die Charaktere kommen über einen Aushang am Schwarzen Brett ihres Wohnblocks mit Zenek in Kontakt. Dessen Vater ist verschwunden. Der Sohn weiß nur, dass er einen exotisch getunten Gobwagon importiert hat, an dem er in seiner Garage rumschraubt. Um zu der Garage zu kommen, muss man entweder über den Hof und durch ein Labyrint an Garagen und Lagerräumen (Zenek weiß nicht genau, welche Garage sein Vater gemietet hat) oder durch die Katakomben des Wohnblogs, den Keller und Heizungsräumen, die auch zur Garage führen. Beide Wege sind voll Gefahren, miesen Schlägern und mysteriösen Geheimnissen.

Am Ende finden die Charaktere Zeneks Vater unter der Motorhaube eines von einem Dämon besessen Gobwagens, der grade dabei ist, den Schrauber genüsslich zu verdauen. Rettet man den Vater aus dem Maul des Dämons, bekommt man dafür einen Fiat 126, wobei ich finde, man könnte den Spielenden ruhig auch den Gobwagen überlassen. Die Kiste hat ein eigenes Datenblatt dabei und zwei interessante Sondereffekte. Fährt man schneller als 150 km/h, verlässt der Dämon die Kiste (naratives Element. Es gibt keine Umrechnung von Speed in km/h). Füttert man den Dämon alle 3 Tage mit einem Goblin, besitzt er einen Speed von sage und schreibe 12 Punkten (und ist damit wohl die schnellste Kiste in Zgol).

Nun wird es Zeit, über die grafische Gestaltung des Abenteuers zu reden. Denn die ist etwas, mit dem ich nicht ganz glücklich bin.

Ich habe hier mal die entsprechenden Seiten aus dem PDF abgebildet. Slav Bork ist hier kein astreiner Dungeon Crawler sondern eher ein Point Crawler. Gut lass ich mir eingehen. Aber die Bilder! In rosa und grün!! Meine Augen!!! Das da eine grün gestrichelte Linie zwischen den Punkten ist, habe ich erst 2 Wochen später wahrgenommen. Augenfreundlich ist was anderes!

Krasser finde ich aber den gestalterischen Fehlgriff, den sich Green Groove and Killing for Newbies geleistet hat. Green Groove and Killing for Newbies ist ein Abenteuer für Salv Bork, dass über itch.io bezogen werden kann (pay as you want). Ihn ihm soll man in einem Plattenbau einen gewissen typen suchen. Hat man einen Informanten gefunden, verrät der einen das Stockwerk, Ansonsten muss man von Stock zu Stock und an die Türen klopfen (bzw. sie eintreten). Grundsätzlich coole Idee. ABER dann mache ich doch über die Würfeltabelle, bei der ich mir die Stockwerke zufällig auswürfeln kann, doch kein so ein Bild drüber. Ich hab etwas gebraucht, bis ich gemerkt habe dass es KEINEN Sinn gibt, zu versuchen, die Beschreibungen unter dem Bildchen mit eben jenen in Verbindung zu bringen!

Fazit

Slav Borg hat bei mir einen Nerv getroffen. Schon als ich die Werbeanzeige auf Facebook gelesen habe, dachte ich mir, das könnte was ganz tolles für mich sein. Ich mag die Ästhetik, ich mag die Regeln und auch wenn ich über das Design der Abenteuer schimpfe, auch die Abenteuer. Für mich eines der Besten Rollenspielprodukte, das ich mir in diesem Super Rollenspieljahr geleistet habe. Wenn ich im Mai auf Klassenfahrt nach Berlin fahre, werde ich es mitnehmen und als Abendunterhaltung anbieten!

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