Lese-Ansicht

Neues von der Ulisses-Mutter Infiniverse AG: Gründung des VTT-Unternehmens MetaMorphic

Wirtschaftliche Entwicklung

Neben den Jahresabschlüssen Ulisses‘, veröffentlichte auch die Infiniverse AG ihre Abschlüsse für die Geschäftsjahre 2023. Zur Erinnerung: Die Infiniverse AG ist das Mutterunternehmen Ulisses

Diese Jahresabschlüsse sind, da es sich bei der Inifiverse AG um eine „Holding“ handelt, recht langweilig. Zusammen mit weiteren Dokumenten aus dem Handelsregister kann man aber doch etwas herausarbeiten.

Das Geldvermögen, hier ohne die Rückstellungen gerechnet und damit bestehend aus den Forderungen und sonstigen Vermögensgegenständen und dem Kassenbestand, vermindert um die Verbindlichkeiten ist um rund 65 Tsd. Euro gestiegen. Dies könnte aus einer Gewinnausschüttung Ulisses‘ stammen, deren Geschäftsjahr 2023 wirtschaftliche erfolgreich war.

Des Weiteren ist eine Erhöhung der Finanzanlagen zu beobachten: Ausweislich des Anhang der Infiniverse AG zum Geschäftsjahr 2024 hält diese nun, neben Ulisses, eine weitere Beteiligung: Die MetaMorphic Digital Studio GmbH, ebenfalls in Waldems ansässig.

Der MetaMorphic

Die MetaMorphic Digital Studio GmbH wurde am 30. September 2023 gegründet. Gegenstand des Unternehmens sind IT‑Dienstleistungen, insbesondere im Bereich von Virtual‑Table‑Top‑Software für Rollenspiele.

Bei der Gründung wurde die Gesellschaft zunächst vollständig von der Infiniverse AG gehalten. Im Jahr 2024 ist ein weiterer Gesellschafter hinzugetreten: Shane Hensley hält nunmehr 25 % der Geschäftsanteile, während die Infiniverse AG weiterhin 75 % der Anteile hält. Die Geschäftsführung liegt – wie auch bei der Infiniverse AG – bei Markus Plötz.

Betrachtet man die Kundenliste gemäß der Internetpräsenz der MetaMorphic, so sieht man, dass zahlreiche bekannte Rollenspielsystem unterstützt werden oder deren Verlage Kunden sind.

Was bedeutet das?

Meines Erachtens ist die Gründung dieses Unternehmens klug und passt auch gut zur Strategie Ulisses‚, bzw. Infiniverses: Vielleicht glaubt man weniger an die Zukunftsfähigkeit des Verkaufs immer mehr Rollenspielbücher (daher auch der Weg zur Editionsunabhängigkeit) und versucht stattdessen, über Abonennten-Modelle einen kontinuierlichen Umsatzstrom zu erzielen. Das passt zum „Ulisses-Abo-Modell“ – und entspricht auch meiner gleichgerichteten Idee vor einigen Jahren. Ergänzend gehören zu den Kunden der MetaMorphic auch Unternehmen abseite des Ulisses/Infiniverse-Universums. Die Tätigkeiten dürften risikodiversifizierend wirken.

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Geschäftszahlen Ulisses‘ für die Geschäftsjahre 2023 und 2024

Nach langer Zeit veröffentlichte Ulisses in den letzten Monaten die Jahresabschlüsse für die Geschäftsjahr 2023 und 2024. In beiden Fällen wurden Erleichterungen in Anspruch genommen, so dass de facto verkürzte Abschlüsse publiziert wurden. Formal erfolgte die Veröffentlichung zu spät, da die Frist hierfür zwölf Monate nach Geschäftsjahresende beträgt. Da das Geschäftsjahr Ulisses zum 30. Juni endet, hätte der Abschluss für das Geschäftsjahr 2024 am 30. Juni 2025 veröffentlicht werden müssen – ausweislich dem Unternehmensregister erfolgte die Einreichung aber erst am 11. September 2025.

Die veröffentlichten Bilanzen stellen sich folgendermaßen dar. Hierbei habe ich das Jahr 2022 zu Vergleichszwecken mitaufgenommen. Die Vorjahre habe ich in diesem Beitrag bereits vorgestellt. Da Ulisses eine kleine Kapitalgesellschaft ist, muss nicht der komplette Jahresabschluss und insbesondere keine Gewinn- und Verlustrechnung veröffentlicht werden. Ulisses macht von dieser Vereinfachung Gebrauch.

Quelle: Bundesregister. VGG steht für Vermögensgegenstände.

Zunächst fällt der hohe Bilanzgewinn im Geschäftsjahr 2023 auf. Der Vergleich mit dem Vorjahr gelingt, indem man den Gewinnvortrag dort mit dem Jahresüberschuss 2022 verrechnet (Unterstellt, es wurden keine Ausschüttungen getätigt). Es ergeben sich 2,013,606.38 Euro. Der Bilanzgewinn des Geschäftsjahres 2023 liegt mit rund 2,7 Mio. Euro rund 700 Tsd. Euro höher – eine Entwicklung, die sich auch im Kassenbestand wiederspiegelt. Der Bilanzgewinn ist eine Größe, die bereits um Ausschüttungen des Vorjahres und Vorabausschüttungen reduziert ist.

Die interessantere Größe, die den Erfolg des Jahres misst, der jeweilge Jahresüberschuss ist im veröffentlichten Teil der Jahresabschlüsse Ulisses‘ nicht enthalten. Er findet sich aber im jeweiligen Anhang des Mutterunternehmens Ulisses‚ der Infiniverse AG – obgleich ich recht sicher bin, dass die dort genannten Zahlen nicht akurat sind (siehe unten).

Demnach betrug der Jahresüberschuss Ulisses‘ des Geschäftsjahres 2023 610 Tsd. Euro und der des Geschäftsjahres 2024 belief sich auf minus 125 Tsd. Euro. Offenbar war das Geschäftjahr für Ulisses also ein wirtschaftlich (sehr) positives – im Gegensatz zum Geschäftsjahr 2024.

Ebenfalls im Eigenkapital ist der Posten „Eigene Anteile“ erkennbar – hier wird deutlich, dass die Gesellschaft im Geschäftsjahr 2023 offenbar weitere eigene Anteile über 50.000 Euro (und damit 50.000 Geschäftsanteile) zurückerworben wurden. Das deckt sich mit der Gesellschafterliste vom 3. Februar 2023, wo auch erstmals die Infiniverse AG als Gesellschafterin genannt wird.

Verlässlichkeit der genannten Jahresüberschüsse in den Jahresabschlüssen der Infiniverse AG

Die Anhänge der Jahresabschlüsse der Infiniverse für die Geschäftsjahre 2023 und 2024 geben als Jahresüberschüsse für Ulisses 610 Tsd. Euro und minus 125 Tsd. Euro an. Diese Angaben sind mit Blick auf die Ulisses-Bilanzen zweifelhaft.

Die Erklärung erfordert ein paar Ausführungen zur Buchführung: Angenommen die genannten Jahresüberschüsse sind korrekt, so kann die Entwicklung des Eigenkapitalkontos in beiden Jahren folgendermaßen beschrieben werden:



Die Tabelle zeigt zunächst die Anfangsbestände der beiden Jahre. Diese sind jeweils der Endbestand des Vorjahres und den Ulisses-Bilanzen entnommen. Im Geschäftsjahr 2023 wurden eigene Anteile erworben, was zu einer Minderung des Anfangsbestandes.
Die nächste Zeile zeigt den (angeblichen) Jahresüberschussn des jeweiligen Geschäftsjahres. Damit dieser Endbestand des Eigenkapitals im jeweiligen Jahr erreicht wird (der widerrum der Bilanz des jeweiligen Geschäftsjahres entnommen ist), muss mathematisch noch eine Erhöhung (hier als „Residuum“ bezeichnet) erfolgen.

Nebem dem Jahresüberschuss wird das Eigenkapital (zumindest wenn man, wie
Ulisses nach dem Handelsgesetzbuch bilanziert) nur noch durch Transaktionen mit den Eigenkapitalgebern beeinflusst – also durch Gewinnausschüttungen, Kapitalentnahmen, Kapitalerhöhungen oder den Erwerb eigener Anteile. Hierbei reduzieren Gewinnausschüttungen und Kapitalentnahmen das Eigenkapital; Kapitalerhöhungen erhöhen es.

Derartige Geschäftsvorfälle müssen also unser Residuum füllen.

Neben der Tatsache, dass ich im Handelsregister keine Informationen über derartige Kapitalmaßnahmen findent konnte, wären diese auch einer ganz bestimmter Weise im Eigenkapital zu zeigen, die bei
Ulisses nicht vorliegt. Es bleiben damit grundsätzlich nur Gewinnausschüttungen, die das Residuum erklären können.

Allein – das Residuum ist in beiden Jahren positiv, Gewinnausschüttungen hätten aber ein negatives Vorzeichen. Damit scheiden auch die Gewinnausschüttungen aus.

Ich vermute daher, dass die Angaben zu den Jahresüberschüssen in den Anhängen der Jahresabschlüssse der Infiniverse AG falsch sind. Das ist auch deshalb gut möglich, weil die Infiniverse AG-Jahresabschlüsse 2023 beziehungsweise 2024 am 30. Juni 2024 und am 13. Juni 2025 festgestellt (gewissermaßen „finalisiert“) wurden. Die jeweiligen Jahresabschlüsse
Ulisses‚ wurden aber erst am 9. Dezember 2024 und am 11. September 2025 festgestellt. Mit anderen Worten: Als die Infiniverse AG ihren Jahresabschlüsse feststellte, war der jeweilige Jahresüberschuss Ulisses‚, zumindest formal, noch nicht bekannt. Höchstwahrscheinlich waren sie auch faktisch noch nicht bekannt: Zum einen ist es bei kleineren Gesellschaften keinesfalls unüblich, dass die Erstellung der Jahresabschlüsse sich sehr in die Länge zieht, zum anderen wäre es sonst naheliegend gewesen, die Feststellung früher vorzunehmen. Die Zahlen aus den Infiniverse AG-Anhängen dürften daher nur Schätzungen sein.

Im Ergebnis ist daher davon auszugehen, dass das Residuum durch einen de facto höheren Jahresüberschuss erklärt werden kann. Falls zudem noch Ausschüttungen vorgenommen wurden, wäre der Jahresüberschuss noch etwas größer.
Die Entwicklung des Geldvermögens im Jahresabschluss 2024 der Infiniverse AG deutet eine Ausschüttung der Ulisses‚ in Höhe eines mittleren fünfstelligen Eurobetrages an.

An der Gesamtaussage ändert sich indes nichts – das Geschäftsjahr 2024
Ulisses‘ war mit an Sicherheit angrenzender Wahrscheinlichkeit wirtschaftlich erheblich schlechter, als das Geschäftsjahr 2023.

Auf der Aktivseite fällt die Erhöhung des Sachanlagevermögens um rund 234 Tsd. Euro im Geschäftsjahr 2024 auf. Mutmaßlich könnten dies die Produktionsanlagen für Miniaturen sein; also insbesondere 3D-Drucker. Dieses Geschäft wurde erst in der zweiten Jahreshälfte 2024 an Kraken Wargames verkauft.

Folglich ist der Kassenbestand zum 30. Juni 2024 mit nur noch rund 310 Tsd. Euro deutlich geringer: Die Reduktion um knapp 660 Tsd. Euro entfällt nebem dem Kauf der Sachanlagen (mutmaßlich der 3D-Drucker). Wo ist das restiche Geld hin? Aus der Bilanz lässt sich schlussfolgern, dass weitere rund 394 Tsd. Euro im Umlaufvermögen gebunden sind: Die Vorräte sind um rund 133 Tsd. Euro gestiegen, die Forderungen und sonst Vermögensgegenstände um rund 260 Tsd. Euro. Beides könnte (!) mit dem Miniaturengeschäft in Verbindung stehen (Resin für die Drucker wäre zum Beispiel unter den Vorräten auszuweisen). Auf der Passivseite fällt die Verminderung der Rückstellungen auf; diese wurden um fast 90% reduziert.

Änderungen im Ulisses-Abschluss 2023

Vergleicht man die Bilanz des Jahresabschluss 2023 mit der Vorjahresspalte der Bilanz des Jahresabschluss 2024 (die, nomen est omen, die Bilanz des Geschäftsjahres 2023 zeigt), so fällt auf, dass diese nicht identisch sind. Hier gab es offenbar nachträgliche Änderungen (die Version aus dem Jahresabschluss 2024 ist damit „angepasst“). Änderungen, die Umgliederungen oder Darstellungsfragen betreffen sind zulässig, erfordern jedoch eine sachliche Rechtfertigung und eine ausdrückliche Erläuterung im Anhang. Letztere fehlt.

Die folgende Tabelle zeigt die Änderungen:




Die hervorgehobenen Posten sind der Höhe nach angepasst worden. Die Verminderung bei den Forderungen und sonstigen Vermögensgegenständen könnte auf nicht einbringbare Forderungen hinweisen; was sich hinter den sonstigen Vermögensgegenständen verbirgt, ist nicht ersichtlich.

Die Verbindlichkeiten sind niedriger ausgewiesen; die Rückstellungen etwas höher. Dass man sich in der Höhe der Verbindlichkeiten irrte, ist nicht gerade naheliegend. Die Erhöhung der Rückstellungen ist schon eher denkbar – wirken aber vor dem Hintergrund der erheblichen Reduktion im Geschäftsjahr 2024 ungewöhnlich.

Da sich das Eigenkapital nur um rund 6 Tsd. Euro und die Bilanzsumme nur um knapp 16 Tsd. Euro vermindert, sind die Änderungen insgesamt meines Erachtens nach nicht von großer Bedeutung.


Formal aber gehen die Änderungen damit über die eingangs erwähnten bloßen Darstellungs- und Gliederungsaspekte hinaus. Derartige Änderungen sind in der Praxis nur unter sehr restriktiven Voraussetzungen sachgerecht abbildbar und erfordern eine Neufeststellung („Neufinalisierung“) des Jahresabschlusses sowie einer ergänzenden Publikation des geänderten Abschlusses im Bundesregister. Zumindest Letztere konnte ich nicht finden. Ohne Neufeststellung existierten für dasselbe Geschäftsjahr zwei unterschiedliche, ergebniswirksame Zahlenstände, ohne dass der Jahresabschluss als solcher formell geändert worden wäre – ein Zustand, den weder die Bilanzidentität noch die Systematik der Abschlussänderung zulassen.

Aus einem früheren Abschluss weiß ich, dass die Rückstellungen vor allem für Abschlusserstellungskosten und Personalverpflichtungen gebildet wurden. Denkbar ist, dass Mitarbeiter in den Urlaub geschickt wurden; dies hätte den Vorteil, dass der Jahresüberschuss nicht noch niedriger liegt. Letztlich ist das aber Spekulation – da die Bewertung von Rückstellungen aber ermessensbehaftet ist, liegt bei einem Rückgang von 90% und einem sonst eher schlechten Geschäftsjahr ein Bestreben zur Reduktion der Rückstellung nahe. Aber auch die Anspruchnahme einer Rückstellung (insbesondere für ungewisse Verbindlichkeiten ist möglich); dies würde auch die erhebliche Reduktion des Kassenbestandes mit erklären. [Update 10. März 2026: Mir wurden wieder Behauptungen und Diskussionen bewusst, dass Ulisses im Jahre 2022 20% der Mitarbeiter entlassen habe. Dies könnte mit möglichen Abfindungen einhergegangen sein, die erst jetzt gezahlt wurden – oder von deren finaler Inanspruchnahme man nicht mehr ausging. Beides könnte den Rückgang der Rückstellungen (mit)erklären.]

Vor diesem Hintergrund des geringeren Kassenbestandes könnte auch der kurz nach Geschäftsjahresende erfolgte Verkauf des Miniaturengeschäfts in einem neuen Licht erscheinen – vielleicht wollte man auch einfach wieder etwas Geld in der Kasse haben.

Bleibt noch die Frage, warum der Jahresüberschuss des Geschäftsjahres 2024 nach dem erfolgreichen Geschäftsjahr 2023 so viel niedriger war.

Die Investitionen in der Anlagevermögen beeinflussen den Jahresüberschuss nämlich nicht. Letztlich kann ich hier auch nur mutmaßen. Auffällig ist aber, dass die Ankündigung der ELF in das Geschäftsjahr 2023 fiel. Deren Fertigstellung erfolgte aber erst nach einigem Hin und Her im Kalenderjahr 2025. Offenbar war die Abstimmung mit den Anwälten sehr mühsam (wurde nicht auch mal die Anwaltskanzlei gewechselt?) und die unterstützende Software auch teuer. Es ist also denkbar, dass Ulisses viel Geld für Beratung ausgeben musste. Aber ohne Gewinn- und Verlustrechnung ist das eher eine Spekulation ins Blaue.

Den kompletten Rückgang des Jahresüberschuss‘ erklärt dies vermutlich nicht – es steht zu befürchten, dass auch das operative Geschäft Ulisses‚ im Geschäftsjahr 2024 defizitär war.


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Voraussehende („prophezeihendes“?) anachronistisches Shadowrun

Seit einigen Monaten befasse ich mich wieder mit dem ersten Rollenspiel, dass ich überhaupt gespielt habe: Mit Shadowrun. Und das ist eine vergnügliche Zeitreise – aus mehreren Gründen:

Meine früheren Mitspieler und ich glaubten damals (in den 90er-Jahren) in Shadowrun manchmal Dinge zu sehen, deren Trend wir bereits in der Gegenwart beobachten konnten – also bei einzelnen Aspekten meinten, die Welt bewege sich auf eine Shadowrun-ähnliche Welt zu.

Damals waren es vor allem gesellschaftliche Aspekte, von denen wir meinten, dass man Ansätze davon in der Realität sehen könne. Ergänzt wurde dies noch um vereinzelte technische Aspekte:

  • Das Internet war für uns ein Vorläufer der Matrix.
  • Nano-Technologie gab es bereits in den Regelwerken der zweiten Edition und in den späten Neunzigern auch erste „echte“ Anwendungen
  • Autonomes Fahren war zumindest denkbar – und in Shadowrun Realität.
  • Erste 3D-Filme wiesen auf das Trideo von Shadowrun hin
  • Videotelefonie war zumindest absehbar möglich.

Die Liste liese sich sicherlich noch fortsetzen.

Heute sehe ich das anders. Zwar stimmen die oben genannten Aspekte immer noch einigermaßen. Allerdings wurde, trotz Matrix, die technische Entwicklung im Bereich von Computern in weiten Teilen von den Shadowrun-Machern falsch eingeschätzt. Das ist kein Vorwurf – die Macher waren schließlich keine Zukunftsforscher und hatten in den 80er-Jahren auch sicherlich nicht den Anspruch, den Beginn des kommenden Jahrtausends vorherzusagen.

Man sieht bei Shadowrum im Grunde eine Fortschreibung der Industrien aus den 80er- und 90er-Jahren. Viel Schwerindustrie, Chemie/Pharma, natürlich Waffentechnik und Raumfahrt – „asset heavy“-Industrien würde man heute sagen. Für Software- und Computertechnologie gibt es in den alten Bänden vor allem Fuchi. Später kamen aber noch Mitsuama und Neonet dazu.

Wenn man dieses Bild heute vor Augen hat oder, wie ich jüngst, die Romane liest, kommt man oft über ein Schmunzeln nicht herum: Eine schöne Szene insofern war, als Dirk Montgomery in „Haus der Sonne“ in Honolulu in einen Rolls-Royce steigt und die Stereoanlage mit den optischen Medien bewundert – also CDs oder etwas Vergleichbarem. Großartig ist auch, dass in „2XS“ ein BTL-Chip (genau genommen ein 2XS-Chip) in einer Videothek (oder meinetwegen auch Trideothek) beschafft werden muss. Auch das Nicht-Vorhandensein von Mobiltelefonen in der (damaligen) Welt Shadowruns lies mich jüngst nostalgisch zurück.

Zusammengefasst haben die Shadowrun-Autoren schlichtweg nicht die Digitalisierung vorhergesehen, beziehungsweise diese in ihrer Disruption nicht erkannt.

Nochmal: Das ist nicht im Entferntesten ein Vorwurf – im Gegenteil: Das sah in den 80er-Jahren wohl niemand so voraus.

Gleichwohl: Heute mutet die Shadowrun-Welt schon etwas arg aus der Zeit gefallen aus an.

Das bemerken auch die Autoren schließlich und versuchten heutige Technologien in die Shadowrun-Welt zu integrieren; dies geschah meines Erachtens vor allem mit Shadowrun 4, als drahtlose Verbindungen mit der Matrix möglich wurden.

Dieser Entwicklung gegenüber stand, dass viele Fans „ihr“ Shadowrun nicht mehr wiederkannten – und so wurde mit der fünften Edition vieles wieder eingesammelt.

Diese Änderungen sind aus meiner Sicht in der Implementierung in Ordnung, da man stets ein innerweltliches Ereignis schuf und bemühte, um die Änderungen zu erklären. Gleichwohl war es auch bei uns Diskussionsgegenstand, ob das Spiel, das doch „Shadowrun“ hieß, überhaupt noch Shadowrun war.

Hierbei darf nicht übersehen werden: Wir kannten die Welt ohne Mobiltelefone, ohne soziale Netzwerke, ohne Internet und dergleichen noch. Was aber wird sein, wenn eines Tages die Spielerschaft mehrheitlich mit diesen Technologien aufgewachsen sind? Änderungen hin oder her – Shadowrun dürfte für solche Spieler anachronistisch sein. Und dabei spielt Shadowrun in der Zukunft!

Ich frage mich daher, wie das weitergehen kann und ob ein System wie Shadowrun in zehn oder zwanzig Jahren noch „verstanden“ wird – oder aber völlig verschieden daherkommen wird oder muss. Wird es in dieser anderen Form noch „Vorhersagen“ für die (dann reale) Zukunft treffen, die von der Spielerschaft akzeptiert werden?

Und was geschieht, wenn man sich entschlösse, im Jahre 2050 der Shadowrun-Zeit zu spielen? Wird man den Spielern tatsächlich „zumuten“ können, dass es keine Mobiltelefone geben soll? Das erscheint mir auch heute schon schwierig.

Wie dem auch sei – mir macht mein neuer Ausflug in die Shadowrun-Welt Freude. Ein Schmunzeln bleibt aber nicht aus.

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