Dunkelmond, Frostmond, Hungermond – die kalten Monate brechen an. Hunderte Kerzen brennen in den Schreinen für Neve und erhellen die düstere Nacht. Und für einen Augenblick nur, einen Wimpernschlag lang, richtet die Göttin des Winters und des Todes ihren Blick hinab in die Welt der Sterblichen.
Eine Gruppe Tuvrani wandert im Schein fluoreszierender Pilze durch den Sporenwald, der langsam und träge geworden ist in der Kälte, und die Schamanin schaut erstaunt nach oben, als erste Schneeflocken auf sie hinabrieseln.
Die Flammen eines riesigen Feuers erhellen flackernd und zuckend die Körper von dutzenden Vibaliern, die freudig und wild tanzend Vidubogs Namen gegen die pechschwarze Nacht singen.
Ein Drachenjäger legt seinem Kameraden einen dicken Pelz um die Schultern, hinter ihnen dampfen die Eingeweide eines erlegten Ungeheuers im Schnee, der Körper gespickt von Pfeilen und Speeren.
Eiszapfen hängen klirrend an den Giebeln der Akademie des Greifenordens, der Atem der Auszubildenen, die auf dem Platz trainieren, steigt weiß in den Himmel über Greifenbronn.
Eine Laterne wirft wabernde Schatten über die purpurnen Teppiche der Bibliothek zu Atlam, während eine Inquisitorin und ihre Scriptorin schweigend und andächtig in alten Schriften lesen.
Ein eisiger Wind fegt über die Zinnen der Atteroner Festung, ungehört von der Magd, die gerade den erstgeborenen Sohn des Earls ins Bett gebracht hat und nun, mit zitternden Fingern, Salz über die Türschwelle streut, auf dass die Feen das Kind nicht holen.
Musik und der saure Geruch nach Wein legen sich schwer und betörend über die Besucher des Mitternachtszirkus, und ein Jauchzen geht durch die berauschte Menge, als Magie von den Fingerspitzen des Nocturnen in der Mitte der Bühne springt.
Eine Händlerin der Crimson Sails Company steht im Lagerraum eines schwankenden Dreimasters im Hafen von Cascona, und der Geruch des Gumesas in dem kleinen, silbernen Beutelchen steigt ihr warm und würzig in die Nase.
Eine Fen’Cenderi blickt in den weiten Sternenhimmel, der sich blendend hell über ihr ausbreitet, ihr Mantel wie Schwingen um ihren Körper gelegt, und sie weint leise, als sie keines der Sternbilder erkennt.
Eine Axt in Nortrond zerteilt mit einem kräftigen Schlag einen Holzscheit. Ein Bontreller Zuckerbäcker drapiert goldbetupfte Pralinen auf einem Tablett. Eine Paldaische Priesterin legt betend einen Olivenzweig auf den Altar. Schlanke, geisterhafte Finger greifen nach der fahlen Hand eines Königs, der schon viel zu lange lebt, und vor ihnen schiebt sich knirschend die marmorne Tür einer Gruft zur Seite-
Neve blinzelt, und ihr Blick löst sich von der Welt, gleitet zurück in die Sphären der Götter und in das Unbekannte, das wir Sterblichen niemals begreifen werden. Alles, was uns bleibt in diesen dunklen Tagen des Winters, ist die Nacht zu erhellen und näher aneinander zu rücken, uns Wärme und Geborgenheit zu spenden – und den bösen Geistern zu widerstehen.